RHDV2: Was die aktuelle Forschung über Immunität und Impfschutz zeigt
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Wissenschaftliche Forschung rund um das Kaninchen findet weltweit statt. Vieles davon ist für Züchterinnen und Züchter auf den ersten Blick weit entfernt vom Alltag im eigenen Stall. Hinzu kommt, dass wissenschaftliche Veröffentlichungen häufig in englischer Sprache erscheinen und sich vor allem an ein wissenschaftliches Fachpublikum richten. Die World Rabbit Science Association (WRSA) gibt mit ihren regelmäßig erscheinenden Newslettern einen Einblick in aktuelle Forschungsarbeiten. Für den ZDRK nehmen wir interessante Themen daraus immer wieder zum Anlass, genauer hinzuschauen und zu fragen: Was wurde eigentlich untersucht und was können Kaninchenzüchterinnen und Kaninchenzüchter daraus mitnehmen?
Im aktuellen Newsletter der WRSA findet sich eine Forschungsarbeit zu einem Thema, das nahezu jeden Kaninchenzüchter betrifft: RHDV2. Wissenschaftler haben genauer untersucht, wie Antikörper das Virus erkennen und neutralisieren können. Eine weitere, 2026 veröffentlichte Studie beschäftigt sich mit einem neuen Impfstoffansatz gegen RHDV2.
Warum beschäftigt sich die Forschung mit Antikörpern?
Die Rabbit Haemorrhagic Disease, kurz RHD, gehört seit vielen Jahren zu den größten gesundheitlichen Gefahren für Kaninchenbestände. Mit RHDV2 hat sich eine Variante weltweit verbreitet, die auch sehr junge Tiere betreffen kann. Die gute Nachricht ist aber: Gegen RHDV2 kann und sollte geimpft werden. Doch was passiert nach einer Impfung eigentlich im Körper des Kaninchens?
Vereinfacht gesagt lernt das Immunsystem, den Erreger zu erkennen. Ein wichtiger Bestandteil dieser Abwehr sind Antikörper. Sie können bestimmte Merkmale auf der Oberfläche eines Virus erkennen und sich daran anheften. Manche dieser Antikörper können das Virus dadurch so beeinflussen, dass es seine schädigende Wirkung nicht mehr entfalten kann. Man spricht dann von neutralisierenden Antikörpern. Für die Forschung ist deshalb interessant, welche Bestandteile eines Virus von solchen Antikörpern erkannt werden. Denn je besser diese Vorgänge verstanden werden, desto gezielter lassen sich auch Impfstoffe untersuchen und weiterentwickeln.
Ein Antikörper gegen RHDV2 im Mittelpunkt
Genau damit beschäftigte sich 2025 eine spanische Forschungsgruppe. Die Wissenschaftler untersuchten einen Antikörper mit der Bezeichnung 2D9, der RHDV2 erkennen kann. Dabei ging es zunächst um die Frage, wo dieser Antikörper das Virus überhaupt erkennt. Auf der Oberfläche von RHDV2 befinden sich bestimmte Eiweißstrukturen. Eine davon trägt die Bezeichnung VP60 und ist für die Immunabwehr von besonderem Interesse. Die Forscher konnten den Bereich, an dem der Antikörper ansetzt, genauer eingrenzen. Für den Kaninchenzüchter ist weniger entscheidend, an welcher einzelnen Stelle dies geschieht. Interessant ist vielmehr die Erkenntnis dahinter: Es gibt bestimmte Strukturen auf der Oberfläche von RHDV2, die von einem neutralisierenden Antikörper gezielt erkannt werden. Das hilft dabei zu verstehen, wie eine wirksame Immunantwort gegen das Virus überhaupt zustande kommen kann.

Kann ein solcher Antikörper das Virus tatsächlich unschädlich machen?
Diese Frage wollten die Wissenschaftler ebenfalls beantworten. Dazu wurde RHDV2 vor einem Belastungsversuch mit dem untersuchten Antikörper in Kontakt gebracht. Die Kaninchen, die dieses mit dem Antikörper behandelte Virus erhielten, überlebten den Versuch. Die Tiere der Kontrollgruppe verendeten an RHD. Das ist ein interessantes Ergebnis, muss aber richtig eingeordnet werden. An diesem Teil der Untersuchung nahmen nur sehr wenige Tiere teil. Die Studie zeigt deshalb vor allem, dass der untersuchte Antikörper grundsätzlich in der Lage war, RHDV2 zu neutralisieren. Eine neue Behandlungsmöglichkeit für bereits an RHD erkrankte Kaninchen ergibt sich daraus nicht. Für die weitere Forschung ist der Nachweis dennoch wichtig. Wenn bekannt ist, welche Antikörper das Virus neutralisieren können und welche Bestandteile des Virus dabei erkannt werden, lässt sich die Immunantwort gegen RHDV2 immer besser verstehen.
Auch RHDV2 verändert sich
Die Forscher machten noch eine weitere interessante Beobachtung. Bei RHDV2-Proben aus natürlichen Krankheitsausbrüchen in Spanien fanden sie Veränderungen des Virus. Bei einzelnen Virusvarianten war ausgerechnet der Bereich verändert, den der untersuchte Antikörper normalerweise erkennt. Die Folge war, dass dieser spezielle Antikörper die veränderte Virusvariante nicht mehr erkennen konnte. Das klingt zunächst beunruhigend. Es bedeutet aber ausdrücklich nicht, dass die heute verfügbaren Impfungen gegen RHDV2 deshalb unwirksam werden. Die Immunabwehr nach einer Impfung beruht nicht auf einem einzigen Antikörper, der nur eine einzige Stelle des Virus erkennt. Die tatsächliche Immunantwort ist wesentlich umfangreicher. Aus der Untersuchung lässt sich deshalb nicht ableiten, dass RHDV2 dem Impfschutz entkommt. Sie zeigt vielmehr, warum die weitere Beobachtung des Virus wichtig ist. Wenn sich RHDV2 verändert, muss die Wissenschaft untersuchen, ob solche Veränderungen irgendwann auch für den Schutz geimpfter Tiere von Bedeutung sein könnten.
Ein neuer Ansatz bei der Impfstoffforschung
Wie intensiv weiterhin an RHDV2 geforscht wird, zeigt eine zweite Arbeit, die im März 2026 veröffentlicht wurde. Dabei wurde ein Impfstoff untersucht, der auf sogenannten Virus-like Particles, kurz VLP, basiert. Hinter dem komplizierten Begriff steckt ein vergleichsweise einfaches Prinzip. Diese Partikel ähneln äußerlich dem Virus und präsentieren dem Immunsystem typische Strukturen von RHDV2. Sie enthalten aber nicht das vollständige infektiöse Virus. Das Immunsystem kann dadurch lernen, die entsprechenden Merkmale zu erkennen und eine Abwehr dagegen aufzubauen. Im Versuch wurden geimpfte Kaninchen anschließend unterschiedlichen RHDV2-Stämmen ausgesetzt. Alle mit dem untersuchten VLP-Impfstoff immunisierten Tiere überlebten. In der Studie konnte außerdem ein Schutz über mindestens 180 Tage nachgewiesen werden.
Auch hier gilt: Untersucht wurde ein bestimmter Impfstoff unter wissenschaftlich festgelegten Bedingungen. Die Ergebnisse lassen sich deshalb nicht einfach auf sämtliche verfügbaren RHDV2-Impfstoffe übertragen. Sie zeigen aber, dass die Forschung weiterhin nach Möglichkeiten sucht, einen zuverlässigen Schutz gegenüber unterschiedlichen RHDV2-Stämmen zu erreichen.
Was bedeutet das für unsere Kaninchenbestände?
Für Kaninchenzüchterinnen und Kaninchenzüchter ergibt sich aus den neuen Forschungsarbeiten zunächst keine Änderung bei der praktischen Vorsorge. Der konsequente Impfschutz gegen RHDV2 bleibt eine der wichtigsten Maßnahmen zum Schutz des eigenen Bestandes. Hinzu kommen Hygiene und Sicherheitsmaßnahmen, insbesondere wenn Tiere den eigenen Bestand verlassen, auf Ausstellungen präsentiert werden oder neue Tiere hinzukommen. Die beiden Studien zeigen aber, was hinter diesem Impfschutz steht und warum die weitere Forschung notwendig ist.
Wir wissen heute immer genauer, wie das Immunsystem RHDV2 erkennt. Gleichzeitig wird beobachtet, wie sich das Virus verändert und ob diese Veränderungen für den Immunschutz eine Rolle spielen. Parallel dazu werden neue Impfstoffkonzepte untersucht. Auch die Diagnostik entwickelt sich weiter. Im aktuellen WRSA-Newsletter wird beispielsweise von Forschungsarbeiten an einem Schnelltest berichtet, der bei der Unterscheidung von RHDV2 und dem bei Hasen vorkommenden EBHSV helfen soll.
Wissenschaft und Praxis zusammenbringen
Für die tägliche Arbeit im Kaninchenstall mögen Begriffe wie neutralisierende Antikörper, Virusvarianten oder Virus-like Particles zunächst weit entfernt erscheinen. Die Forschung dahinter betrifft unsere Tiere aber unmittelbar. Denn erst wenn bekannt ist, wie ein Krankheitserreger funktioniert, wie er sich verändert und wie das Immunsystem auf ihn reagiert, können Impfstoffe und diagnostische Verfahren gezielt entwickelt und überprüft werden.
Die aktuellen Untersuchungen liefern keinen Anlass, die bestehenden Impfempfehlungen gegen RHDV2 infrage zu stellen. Sie unterstreichen vielmehr, wie wichtig Impfung, Sicherheitsmaßnahmen und die fortlaufende wissenschaftliche Beobachtung des Virus gemeinsam sind. Und genau deshalb lohnt sich gelegentlich auch für uns Praktiker ein Blick in die internationale Kaninchenforschung.
Quellen:
WRSA Newsletter Nr. 20, Juli 2026; Podadera et al., „Epitope mapping of a neutralizing antibody against rabbit hemorrhagic disease virus GI.2“, Veterinary Research, 2025; „Molecular characterization of rabbit hemorrhagic disease virus type 2 and long-lasting protection conferred by a VLP-based vaccine“, BMC Veterinary Research, 2026.
Originalstudie in Veterinary Research: https://link.springer.com/article/10.1186/s13567-025-01505-z
Studie zum VLP-Impfstoff in BMC Veterinary Research: https://link.springer.com/article/10.1186/s12917-026-05374-2



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